Architektur der Kiezgesellschaft – Bauen in Pankow

Von | 5. März 2015

Ein Gastbeitrag von Steffen Janke

Fast drängt sich das Gefühl einer neuen Gründerzeit auf. Die Stadt wächst! Berlin schließt, was die Immobilienpreise angeht, zu Städten wie Hamburg oder München auf. Die Gentrifizierungswelle ist schon längst vom Prenzlauer Berg nach Pankow geschwappt. Das kann man allgemein beklagen, macht aber wenig Sinn. Es ist eine natürliche Entwicklung. Stadtteile mit einer gesunden städtebaulichen Substanz und einer guten Infrastruktur werden sich mittelfristig entwickeln.

Die Quartiere erfahren eine Aufwertung, die den marktwirtschaftlichen Gesetzen folgt. Das ist grundsätzlich nichts schlechtes, bringt aber viele Befindlichkeiten der betroffenen Anwohner hervor. Jeder hat seine Vorstellung vom Kiez. Man gewöhnt sich an das Stadtbild, man kennt die Ecken, die Leute. Aber keiner hat Anspruch auf die Erhaltung des Status quo. Die Stadt, insbesondere Berlin, war und ist immer in Bewegung und Veränderung. Wer in der Stadt lebt, wohnt und arbeitet, muss wohl ein gewisses Maß an Toleranz und Flexibilität sein Eigen nennen.

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Baustelle in der Görschstraße

2008 begann die Sanierung und Umnutzung der Alten Mälzerei in der Neuen Schönholzer Straße. Dieses Projekt stellt aus heutiger Sicht den Beginn der rasanten Veränderung des Florakiez dar. Seitdem wurden hier zahlreiche Wohnungsbauvorhaben realisiert. Und dieser Trend scheint kein Ende zu finden. Baulücken wurden und werden geschlossen, Industriebrachen reaktiviert, Kleingärten mussten weichen. Angesichts der großen Veränderungen in ganz Berlin, macht es keinen Sinn, in Pankow alles Bestehende konservieren und bewahren zu wollen. Vielmehr müssen sich die Gestalter der baulichen Veränderung in Berlin und eben auch im Florakiez über ihre gesellschaftliche Verantwortung bewusst sein. Investoren, Baugruppen, Wohnungsbaugesellschaften und nicht zuletzt Architekten müssen sich vergegenwärtigen, dass sie nicht nur ein Stück Stadt gestalten, sondern gesellschaftlich relevant handeln. Denn auch wenn es jedem Grundstückseigentümer oder Bauherren im Rahmen des Baugesetzbuches und der Landesbauordnung freisteht, nach seinem Willen zu bauen, zu entscheiden welche Kubatur, Farbe und Gestus sein Bauwerk haben soll, so muss ihm klar sein, dass ein einzelnes Haus eine Wirkung auf die gesamte Öffentlichkeit hat. Es stellt den kleinsten Teil der städtebaulichen Struktur dar.

Die Verantwortung der Bauschaffenden

Denn jedes Bauwerk beeinflusst die Wahrnehmung von Straßenfluchten und Stadträumen und es beeinflusst uns als Betrachter unbewusst im Alltag. Deshalb stehen Bauherr und Architekt in der Kritik, im Positiven wie im Negativen. In diesem Kontext liegt die Verantwortung der Bauschaffenden. Aus diesem Grund muss jedoch auch die Politik die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. Sie muss dafür sorgen, dass soziale Verdrängung minimiert wird, dass Baurecht geschaffen wird, dass die Grundlage für ein gesundes gesellschaftliches Miteinander im Kiez geschaffen wird.

Hier stellt sich mir die Frage, ob das den Akteuren wirklich bewusst ist. Gibt es so etwas wie Baukultur hier im Kiez? Gibt es Gestaltungswillen? Gibt es ein Gefühl für Kubatur, Kontext und Material? Gibt es neben den greifbaren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen andere „weiche“ Faktoren?

Dem Anschein nach ist der Wunsch der Leute nach Wohneigentum so groß, dass Käufer bereit sind, an allen Ecken und Enden Kompromisse auf Kosten der Gesamtqualität einzugehen. Legt der Bauherr beim Bodenbelag noch größten Wert auf massives Eiche-Stabparkett und Kloschüsseln von Villeroy & Boch, so ist er bei den Innentüren schon kompromissbereiter. Da kann es auch eine Tür mit billiger Beschichtung und gefälztem Türblatt sein. Ganz egal wird es dann bei der Fassade. Plastikfenster, Plastikputz, Plastikfarbe und Styropordämmung bestimmen das Tagesgeschäft der Bauschaffenden. Mit Schuld an den für alle Zeit und alle Bewohner des Kiezes sichtbaren Abstrichen bei der Fassadengestaltung ist, dass die Finanzierung des Eigenheims oftmals eng gestrickt wird. Wichtiger als nachhaltige, hochwertige Baumaterialien ist den Bewohnern für das Selbstbild dann häufig, dass sie gewissenhaft im Bioladen einkaufen und anschließend mit dem Stoffbeutel nach Hause gehen.

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Zur gleichen Zeit: Baustelle in Goa

Die Ergebnisse sind nicht selten maximal ausgelastete Grundstücke, leblose Fassaden, fragwürdige Farbkonzepte und der Einsatz von minderwertigen Baustoffen. Auch hier in Pankow kann man das an mehreren Beispielen bestaunen, und bekommt damit gleich Gründe für die allgemeine Skepsis gegenüber Neubauvorhaben geliefert. Folglich sinkt das Vertrauen in die Bauherren und Architekten.

Architektur als Wegbereiter

Dabei ist Architektur immer ein Spiegel der Gesellschaft und bildet ihre Strukturen ab. An der Gründerzeitarchitektur sieht man, wie „oben“ und „unten“ miteinander im Haus lebten. Vorne die Herrschaften mit den großen Räumen, hinten die Arbeiter und Dienstboten. An den Plattenbauten im Osten der Stadt, aber auch am Märkischen Viertel erkennt man, woran es Berlin lange Zeit vor allem fehlte: an billigem Wohnraum. Durch realisierte Architektur können wir Prioritäten erkennen. Architektur kann integrieren oder sequestrieren, sie kann Wegbereiter sein, sie kann Stadträume schaffen oder zerstören. Und: Nachhaltige und qualitativ hochwertige Architektur will sich eben nicht jeder leisten. Die Frage ist, wie so oft, wie viele Kompromisse ist man bereit, beim Immobilienkauf einzugehen? Was möchte ich für meine 3400 €/m² Wohnfläche als Gegenleistung bekommen?

Seit dem Umbau der Alten Mälzerei, also seit dem Beginn der Umwälzungen im Florakiez, sind hier hunderte von Wohnungen und Häusern entstanden. Darunter gibt es viele gelungene Bauprojekte, aber eben auch viele unter den Kiezbewohnern kontrovers diskutierte Häuser, die offensichtlich nicht nach den Kriterien „Funktion“ und „Gestalt“ nachhaltig geplant und finanziert wurden. Dabei geht es nicht um die Frage, ob etwas als „schön“ oder „hässlich“ empfunden wird, denn das sind rein subjektive Kategorien, die jeder anders bewertet, auch im Verlauf der Zeit. Aber wie gesagt: Architektur ist ein Spiegel der Gesellschaft! Und wenn die Gesellschaft qualitative Architektur nicht einfordert, wird es immer auch Projekte geben, bei denen die oben erwähnte Toleranz und Flexibilität schwer fällt.

Steffen Janke ist Architekt. Er lebt und arbeitet in der Nachbarschaft.

47 Kommentare zu “Architektur der Kiezgesellschaft – Bauen in Pankow

  1. Max Müller

    Und obiges Bild ist wirklich das beste Beispiel für grottige Architektur, wenn die
    Linie des Nebenhauses nicht fortgeführt wird sieht das grausam aus und gibt kein
    stimmiges Gesamtbild. Warum sowas genehmigt wird ist mir schleierhaft.

    1. Hanno HallHanno Hall

      Der Eindruck täuscht. Denn es handelt sich um ein Hinterhaus, das durch diesen Kniff zu einem Gartenhaus geworden ist. Durch den bewussten Verzicht auf zwei Etagen ist statt eines dunklen Hinterhofs ein lichter Garten entstanden. Das Vorderhaus (nicht im Bild) orientiert sich ganz klassisch an der Höhe der Nachbarbebauung.

        1. Hanno HallHanno Hall

          Ist leider teuer, muss statisch funktionieren und der Eigentümer der Wand (Nachbar) muss einverstanden sein.

          1. Max Müller

            Nicht zwingend. Eine immergrüne Bepflanzung hat dämmende Wirkung und kühlende im Sommer.

            Das könnte doch auch den Eigentümer überzeugen.

        2. Sebastian von Oppen

          Man muss hier nochmal klarstellen, dass Fassadenbegrünung rein gar nichts mit Nachhaltigkeit zu tun haben. Mangelhaft ausgeführt bedeuten sie ein erhebliches Schadensrisiko. Mangelfrei ausgeführt sind sie allerdings kaum bezahlbar was auch damit zu tun hat, dass sie Ökobilanziell ein Desaster ist, da sie Unmengen von Kunstoffolie brauchen und nicht jedes Haus überhaupt konstruktiv darauf eingerichtet ist. Darüberhinaus ist der Beitrag fürs Mikroklima marginal. Sie dienen vor allem dem Greenwashing, da jeder Depp zu verstehen meint, dass eine grüne Fassade ja irgendwie ökologisch sein muss.

          1. Max Müller

            Bei den Kosten kenn ich mich nicht aus, richtige Systeme sind sicher nicht billig aber möglicherweise sinken diese ja auch wenn viele Leute das machen.

            Die einfachste Form ist wohl immer noch der gute, alte Efeu. Ich finde eine Efeu-bewachsene Wand einfach schöner anzuschauen als der nackte Putz.

  2. Hendrik Schober

    Leute, welche sich gegen die rasante Gentrifizierung ihres Stadtbezirks und gegen die damit einhergehende Verdrängung wehren, als die ewig gestrigen abzutun, die lediglich meckern, weil sie nicht damit klar kommen, dass ihre geliebten Brachflächen plötzlich hinter Fassaden verschwinden, ist schon eine außerordentlich schlichte Sichtweise. Dem Autor scheint offensichtlich nicht in den Sinn zu kommen, dass die meisten Berliner inzwischen einfach nicht mehr wissen, wohin sie in dieser Stadt noch fliehen sollen.

    Zur Erinnerung: M.W. haben 60% der Berliner Haushalte Anspruch auf einen WBS. Marzahn, bis vor kurzem noch die „Endlösung“ für die Unterbringung der Armen, gehört inzwischen zu den Stadtbezirken mit den höchsten Mietsteigerungsraten. Angesichts dessen ist die aktuelle Entwicklung des Berliner Wohnungsmarktes für den überwiegenden Teils der Berliner Bevölkerung schlicht und ergreifend eine existentielle Katastrophe. Wenn man von den übrig bleibenden 40% dann noch all die abzieht, welche die steigenden Mietpreise durch Einsparungen an anderer Stelle (Lebensstandard, Bildung der Kinder) abfangen müssen, und die, welche zwar über die Runden kommen, aber definitiv auch keinen Gewinn aus der aktuellen Entwicklung ziehen können, dann bleibt nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung, für den diese eine „Aufwertung“ darstellt. Diese, für den Autor als Architekten sicherlich sehr bedeutende Minderheit, treibt seit Jahrzehnten die übergroße Mehrheit der Berliner immer weiter aus der Stadt hinaus.

    Um das klar zu stellen: Ich gönne jedem, der es sich leisten kann, eine Eigentumswohnung mit Kloschüssel(n) von Villeroy & Boch in diesem Kiez. Aber ich gönne diesen Kiez auch den Rentnern, alleinstehenden Müttern, Kranken, und sonstigen sozial Schwachen, die mal in meinem Hinterhaus gewohnt haben – und die inzwischen alle verdrängt wurden. Wohin es führt, wenn alle finanziell Minderbemittelten in Trabantenstädte außerhalb der privilegierten Bezirke verbannt werden, kann man z.B. in Frankreich sehen. Das ist auch für die besser verdienenden nicht ideal. Und, nein, die negativen Folgen solch einer Ghettoisierung lassen sich nicht durch eine striktere Ghettoisierung ausgleichen. (Ghettoisierung ist in dieser Hinsicht wie Gewalt.) Dummerweise bewegen wir uns seit 25 Jahren mit immer weiter zunehmendem Tempo in genau diese Richtung.

    Und das ist dann auch die Krux mit dem Argument von „Bewegung und Veränderung“: Die Veränderung besteht doch nur darin, in welchen Stadtbezirken und auf welchem Niveau dieses immer gleiche Spiel gerade gespielt wird. Ist es Prenzlberg oder Friedrichshain oder Kreuzberg oder Pankow? Reichen €10-12/m² noch, oder müssen es schon €20-25 sein? Wer angesichts solcher Entwicklungen glaubt, der Verdrängung von der Schippe gesprungen zu sein, weil er sich eine Eigentumswohnung in einer Baugruppe leisten konnte, dem empfehle ich mal einen Trip nach London oder in die amerikanischen Großstädte, wo einem deutlich vor Augen geführt wird, wie das ein oder zwei Gentrifizierungswellen später aussieht. Denn die, welche die heute Alteingesessenen vertreiben, sind auch alles nur Durchreisende, die dann bei der nächsten oder übernächsten Welle von den noch Reicheren vertrieben werden. Ich hoffe, der Autor schafft es, dann auf diese Welle umzusatteln. Sonst wird er nämlich, wie seinen Kunden, einfach mit weggespült.

    In diesem Sinne: Willkommen im Boot!

    1. Sebastian von Oppen

      Ich glaube man muss in diesem Zusammenhang klarstellen worüber man spricht.
      Der Autor verteidigt m.E. das Entstehen von Neubauprojekten. Neubauten entlasten grundsätzlich den Mietermarkt, selbst dann wenn sie hochpreisig sind. Das hat etwas mit Angebot und Nachfrage zu tun.
      Mich ärgert es zuweilen, dass in Berlin oft grundsätzlich gegen Neubauten protestiert wird anstatt sich konstruktiv mit der Art und Weise der Neubebauung auseinanderzusetzen. DAS halte ich für berechtigt, aber die komplette Ablehnung jeder Neubebauung kann ich nicht nachvollziehen und es erinnert mich an das Blockieren von Liegen am Pool mit dem Handtuch, damit bloß kein Spätaufsteher am Pool einen Platz findet. Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte: Neubauten ja,aber sozial ausgeglichen!

    2. tut nichts zur Sache

      “ Marzahn, bis vor kurzem noch die “Endlösung” für die Unterbringung der Armen, gehört inzwischen zu den Stadtbezirken mit den höchsten Mietsteigerungsraten.“

      Kann es sein, dass Marzahn bisher die ABSOLUT geringsten Mieten hatte und deshalb die Steigerungen PROZENTUAL am höchsten sind?
      zb Erhöhung vom 40 Cent:
      Marzahn: vorher 4,-, jetzt 4,40, macht 10%
      woanders: vorher 7, jetzt 7,40 macht nur 5,7% Steigerung

      Augen auf bei den Zahlen, bitte ;-9

  3. Grit Lemke

    Guter Beitrag Herr Schober.

    Der Autor des Artikels ist Architekt und im Artikel geht es auch größtenteils darum. Das Einzige wo ich ihm beipflichten kann, ist die Kritik an billiger und fragwürdiger Fassadendämmung, die das Stadtbild zerstört und nicht nachhaltig ist.

    Aber selbst diese Kritik greift eigentlich zu kurz. Als Architekt sollten ihn auch die Modernisierungen von Gebäuden im Kiez interessieren. Hier wird u.a. von kommunalen Wohnungsbaugesellschaften die energetische Modernisierung genutzt, um maximale Mieten zu erzielen. Ergebnis sind Verdrängung von langjährigen Mietern und gesichtslose Fassaden.

    Der soziale Aspekt ist für den Autor aber wohl zweitrangig. Warum verweist er im Eingang seines Textes überhaupt darauf? Es geht nicht um Befindlichkeiten, sondern um Existenzen! Die Marktwirtschaft regelt alles? Man kann dem Autor nur wünschen, dass er nicht selbst einmal Betroffener sein wird.

    1. Karl Klammer

      Mal bitte beim Thema bleiben. Der gute Mann kann in seinem Beitrag ja nicht alle Problembereiche abdecken, sondern hat sich konkret mit der architektonischen Qualität des in unserem Umfeld neu geschaffenen Wohnraums befasst.

      Ich fand es durchaus erhellend zu erfahren, dass viele der neuen Bauvorhaben auch aus Sicht eines Architekten (Einzelmeinung?) grottenhässlich sind. Ich hatte schon die Befürchtung, mein ästhetisches Unwohlsein mit vielen der hiesigen Neubauten läge einfach an einem laienhaften Unvermögen, die moderne Form- (fette Quader mit manchmal pseudostrukturierter Fassade ) und Farbsprache (auf jeden Fall irgendwie gräulich) zu verstehen.

      Was sind hier für Chancen vertan worden! Und kann mir keiner erzählen, dass das eine Geldfrage wäre, dafür gibt es zu viele gelungene Gegenbeispiele von Neubauten (ein paar sogar bei uns!), die sicher auch nicht teurer waren, als das, was jetzt zum Beispiel die Ecke Brehme-/Heynstr. oder den Zugang zum Nassen Dreieck verschandelt. Es fehlt am Gestaltungswillen bzw. -vermögen, das ist das Problem.

      Und, ja, Verdrängung von Altmietern ist ein Thema, aber ein anderes…

      1. Hendrik Schober

        Dafür, dass das Thema Gentrifizierung nicht auf der Agenda des Autors gestanden haben soll, hat er aber empfindlich gegen jene ausgeteilt, die betroffen sind und sich nicht erwehren können. Ich finde, da muss man dann auch im Nehmen ein paar Stärken zeigen – auch, wenn man das Thema nur am Rande gestreift hat.

        Was die Hässlichkeit moderner Architektur betrifft, bin ich übrigens d’Accord mit dem Artikel. (Seit ein paar der letzten Kreuzberger Autonomen neulich am S-Bahnhof Pankow waren, soll man dort ja jetzt sehr stark darüber nachdenken, den Begriff „Schwarzer Block“ durch einen anderen zu ersetzen.)

      2. Maya Schön

        Das Bauvorhaben Ecke Brehme-/Heynstraße hat aber doch alles das, was der Autor kritisiert nicht gemacht, nirgends Plastik, und auch kein Styropor:
        „Ganz egal wird es dann bei der Fassade. Plastikfenster, Plastikputz, Plastikfarbe und Styropordämmung bestimmen das Tagesgeschäft der Bauschaffenden. Mit Schuld an den für alle Zeit und alle Bewohner des Kiezes sichtbaren Abstrichen bei der Fassadengestaltung ist, dass die Finanzierung des Eigenheims oftmals eng gestrickt wird. Wichtiger als nachhaltige, hochwertige Baumaterialien ist den Bewohnern …“

        Zu dem Aspekt Verdrängung: Mir sind Baugruppen (und meinetwegen auch Immobilienunternehmen) die neu bauen tausend mal lieber, als Investoren, die Altbauten aufkaufen, teuer sanieren, und dann für viel Geld neu vermieten. Denn ein Neubau verdrängt niemanden, im Gegenteil, die Leute, die dort einziehen, ziehen auch irgendwo aus (und zwar wahrscheinlich aus einer Mietwohnung), in die dann wieder andere einziehen können, und da wir jetzt die Mietpreisbremse haben, wahrscheinlich auch noch relativ preiswert.
        Das entlastet doch erstmal den Wohnungsmarkt, und das der Staat nicht das seine tut und entsprechend genügend Sozialwohnungen baut, kann man denen nicht vorwerfen. Die Stadt wächst (zum Glück), und gegen fehlenden Wohnraum hilft am Ende nur bauen, Mietpreisbremse hin oder her, die hilft auch, aber nur denen, die schon eine Wohnung haben.

        1. Max Müller

          @Maya

          Doch haben sie.

          Das Haus ist trotz oder wegen fünf beteiligten Architekten qualitativ fragwürdig bis einfallslos, von der Farbe ganz zu schweigen. Und mit Styropor ist es m.M. nach auch gedämmt.

          Bei den Baugemeinschaften ist Qualität wahrscheinich unmöglich, zu viele Köche am Werk.

          1. Maya Schön

            „Doch haben sie“? Was, und warum ist das qualitativ fragwürdig?

          2. Max Müller

            Wenn schon fünf Architekten am Werk sind hätte man sich eine ausgeprägtere Handschrift der einzelnen gewünscht, die verschiedenen Häuser individueller auch mit unterschiedlichen Materialien und vor allem nicht alle einheitlich grau.

            Das wäre wahrscheinlich auch nicht viel teurer gewesen.

          3. Sebastian von Oppen

            Das genannte Haus ist mit Mineralwolle gedämmt, die seit nunmehr zwanzig Jahren nicht mehr krebserregend ist und kein Sondermüll darstellt. Darüberhinaus ist sie nicht brennbar. Außerdem finde ich es problematisch den eigenen Geschmack als absolute Wahrheit in den Raum zu stellen. Ich finde das Gebäude eine echte Bereicherung.
            Sagen Sie doch mal welche Gebäude Ihnen gefallen, irgendetwas schlecht reden ist nämlich sehr viel einfacher.

          4. Max Müller

            Mineralwolle ist auf jeden Fall besser als Styropor wobei für mich interessant wäre wie gross der Unterschied zu Massivmauerwerk eigentlich ist.

            Jeder Geschmack ist subjektiv, und der findet eben eine individuelle Unterscheidbarkeit der einzelnen Häuser besser.

            Die Floragärten sind zwar nicht das beste Beispiel, aber sie haben dort zumindest versucht, bei der Blockrandbebauung durch unterschiedliche Häuser Akzente zu setzen.

            Ein grauer Block mit Lochfassade erinnert halt eher an sozialen Wohnungsbau.

          5. Sebastian von Oppen

            Nochmal zum Kommentar unten: Die Floragärten sind komplett mit Polystyrol gedämmt und nicht nur das: Die Oberfläche ist ein Kunstharzputz der mit Bioziden versetzt werden muss, damit er nicht veralgt. Die Gebäude der Baugruppe sind dagegen dickschichtig mineralisch verputzt was durch die die Alkalität des Kalkputzes sämtliche Biozide unötig macht. Daran zeigt sich beispielhaft, dass private Bauherren bzw Baugruppen in der Regel eine höhere bauliche Qualität realisieren als dies bei Investorenprojekten wie den Floragärten der Fall ist. Und zur Gestaltung: Nun, ich empfinde die Floragärten als etwas kitschig und historisierend während mir die etwas ruppige Ehrlichkeit des Baugruppenprojekts in der Heyn- / Brehmestrasse besser gefällt. Aber herrje das ist halt Geschmackssache. Zumindest sollten Sie Ihre m.E. unqualifizierten Schnellurteile überdenken, Herr Müller.

          6. Max Müller

            Von der fachlichen Ausführung reden wir hier ja nicht. Die ist sicher ok.

            Mir ging es einfach um die Individualität der einzelnen Häuser.

            Ich weiss ja nicht warum sie sich so angegriffen fühlen, Herr Oppeln.
            aber wie ich unfachlich, subjektiv und schnell urteile müssen Sie schon mir überlassen.

            Aber Sie haben recht, mangelnde Ruppigkeit kann man dieser Baugruppe sicher nicht vorwerfen.

          7. Sebastian von Oppen

            Lieber Herr Müller, ich finde es einfach schwierig, Projekte anhand subjektiver Kriterien pauschal abzuurteilen und in Ihren Aussagen bzgl. Polystyroldämmung lagen sie einfach falsch. Grundsätzlich finde ich aber eine Diskussion über die Gestalt neuer Häuser sehr spannend. Ich bin auch froh, dass Sie als einziger auch mal gesagt haben welche Projekte Ihnen gefallen. Schlecht reden ist nämlich sehr viel einfacher. Ich bin halt nur anderer Meinung, aber das ist ja ok.

        2. Grit Lemke

          Die „Sickertheorie“: Ein reicher Mieter zieht in die neue, bestausgestattete Wohnung und macht eine etwas schlechtere Wohnung frei, in die dann wieder ein etwas Ärmerer einzieht usw. bis zuletzt ein Mieter vom unteren Ende der Einkommensskala eine billige Wohnung erhält.

          Sigmar Gude, TOPOS/Stadtplanung Landschaftsplanung Stadtforschung sagt: diese sogenannte in der Fachwelt umstrittene „Sickertheorie“ ist in keiner Untersuchung der letzten Jahrzehnte bestätigt worden. Es wurden lediglich kurze Umzugsketten festgestellt, bei denen die beteiligten Wohnungswechsler aber stets im gleichen Einkommensbereich blieben. Die unteren Einkommensgruppen profitierten gar nicht.

          1. tut nichts zur Sache

            Habe selbst (nun 65qm für 870,-) warm eine 40qm-Wohnung (345,- warm) freigemacht, die Nachmieterin mit kleinem Einkommen freute sich!
            Ist man als Akademiker mit einem durchschnittlichen Akademikereinkommen schon „reich“?

      3. Sebastian von Oppen

        Sagen Sie doch mal welche Architektur Sie schön finden. Etwas schlecht reden ist nämlich immer sehr viel einfacher. Man sollte dann auch Farbe bekennen und eine Alternative benennen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob der Autor des Textes oben die gleichen Gebäude häßlich findet wie Sie.

  4. F.

    Lieber Herr Klammer, die sozialen Aspekte sind das von Ihnen geforderte „beim Thema bleiben“. Das liegt schon per se auf der Hand, denn das hier ist kein Museum. Hier wohnen oder wohnten echte Menschen, die gravierenden Veränderungen ausgesetzt sind. Außerdem schreibt der Gastautor selbst über die sozialen Aspekte der Entwicklung hier: „Die Gentrifizierungswelle ist schon längst vom Prenzlauer Berg nach Pankow geschwappt. Das kann man allgemein beklagen, macht aber wenig Sinn.“ Und diese Haltung ist ebenso falsch wie einigermaßen herablassend, daher sind die obigen Kommentare zu den sozialen Aspekten fast noch zurückhaltend. Nebenbei: Startschuss der Veränderung war nicht die Mälzerei, wie vom Gastautor behauptet, sondern die Einrichtung des Sanierungsgebietes Wollankstraße in den 90ern. Es ist auffällig, dass in allen Pankower Sanierungsgebieten, Kollwitzplatz, Helmholtzplatz und eben hier diese gravierende Veränderungen oder sogar Umwälzungen stattgefunden haben. Das öffentliche Geld kam aus den Steuern aller Zahler, auch derjenigen, die jetzt Verlierer sind oder davon bedroht sind.

  5. Karl Klammer

    Tja …

    … auch das Sanierungsgebiet ist in den 90-ern nicht vom Himmel gefallen, sondern es gab damals gute Gründe für dessen Einrichtung…

    Letztlich hängt alles mit allem zusammen und Veränderung ist ein andauernder Prozess (Platon: Πάντα χωρεῖ καὶ οὐδὲν μένει : „alles bewegt sich fort und nichts bleibt“ – das hab‘ ich jetzt aus der Wikipedia). Was einem bleibt, ist der Versuch, Veränderung zu gestalten. Und da könnte eine (verspätete?) Diskussion zur architektonischen Qualität von Neubauten (und auch zur Sanierung von Altbauten) durchaus hilfreich sein. Es macht einfach keine Freude, jeden Tag mit diesen Architektursünden konfrontiert zu werden. Von daher vielen Dank an Herrn Janke für seinen Artikel.

    Zum Thema Mietsteigerung / Verdrängung ist zu sagen, dass dies nun wahrlich nicht nur Pankow Mitte betrifft, sondern die ganze Stadt. Hier bringt es nichts, die bösen Zuzügler zu beschimpfen (die oftmals ihrerseits verdrängt wurden, weil sie in ihrem Umfeld keine bezahlbare Wohnung mehr für eine größer werdende Familie finden), sondern es muss auch hier Veränderung gestaltet werden, und zwar über die Politik, die versuchen muss, die Marktkräfte zu bändigen.

    Extreme Mieterhöhungen werden vor allem durch die politisch-ideologisch gewünschte, aber oftmals völlig überflüssige energetische Totalsanierung von Altbauten ermöglicht. Nachdem die Umwandlung von Mietwohnungen in Eigentum inzwischen erschwert wurde, müsste hier als Nächstes angesetzt werden: Vorgeschriebene Maßnahmen für Altbauten reduzieren (50 cm Mauerwerk muss ich nicht auch noch in Plastik packen), Umlage der Sanierungskosten auf die Mieter auf einen längeren Zeitraum verteilen, …

    Kenne leider keine politische Gruppierung, die sich offiziell in der Richtung stark macht.

  6. Max Müller

    Einige grundsätzliche Bemerkungen:

    Die zwei grundsätzlichen Ursachen für den zunehmenden Druck auf den Wohnungsmarkt werden sich nicht ändern:

    – Verstärkte Investition in Immobilien wegen der Niedrigzinspolitik
    – Jährlicher Zuzug nach Berlin in Höhe von mindestens 40000, Asylsuchende noch gar nicht mitgerechnet.

    Deswegen ist Neubau in hohem Umfang unausweichlich. Aber den Wandel kreativ zu gestalten umso wichtiger.

  7. Poltergeist rettet Florakiez!

    Zitat:
    „Denn auch wenn es jedem Grundstückseigentümer oder Bauherren im Rahmen des Baugesetzbuches und der Landesbauordnung freisteht, nach seinem Willen zu bauen, zu entscheiden welche Kubatur, Farbe und Gestus sein Bauwerk haben soll, so muss ihm klar sein, dass ein einzelnes Haus eine Wirkung auf die gesamte Öffentlichkeit hat.“
    Stimme ich voll und ganz zu, wird aber so oft leider völlig ignoriert.
    Beispiel: dieser Graue Würfel in der Florastraße gegenüber Gaillardstraße. Hässlicher und unpassender geht’s nicht. Da fragt man sich wirklich, wie so was genehmigt wurde und vor allem warum.
    Und als ob das nicht schon genug wäre, gibt es da auch noch immer diese jämmerlichen, sandigen Puppenhaus-Vorgärten.

    Ich bin zwar ungefähr 1.743 Jahre alt, kann aber hier im Kiez nicht in Rente gehen.
    Buhu – ich bin Poltergeist und liebe die Weiße Villa!

  8. H. Thernoth

    Guten Tag,

    ich habe ein paar Fragen, die mglw. etwas abseits des Themas liegen, aber ich hoffe, jemand von Ihnen, kann mir dennoch Antworten geben. Am Ende dann noch einige Bemerkungen zum eigentlichen Thema.

    – Gibt es Zahlen (für den Altbezirk Pankow) zur Bevölkerungsentwicklung der letzten Jahrzehnte (zB ab 1980)? (Man würde aufgrund der vielen Neubauten einen starken Anwuchs vermuten, aber vielleicht wird er zT dadurch aufgehoben, dass die Einwohner heute mehr qm/Person beanspruchen.)
    – Wieviele der Einwohner Pankows (von zB 1990) leben heute noch im Stadtteil?
    – Interessant wären auch Zahlen, die Auskunft geben über die Anzahl der Menschen, die tatsächlich „weggentrifiziert“ wurden, dh die unfreiwillig aufgrund der Wohnungssituation den Bezirk verlassen haben. Diese Zahl könnte insofern zur Debatte beitragen, als man an ihr abschätzen könnte, wie groß der Anteil „gefühlter“ Gentrifizierung ist. (Oder anders gesagt: Die Emotionalität einer Debatte beweist nicht automatisch ihr Relevanz.)

    (So interessant diese Zahlen auch sind, im Grunde wäre ich froh, es gäbe sie nicht; Stichwort: Datensammelei und Datenschutz.)

    Zur Architekturdebatte:
    Mich wundert es und wundert es auch wieder nicht, dass gerade ein Architekt ästhetische Kriterien beschwört. Solche Kriterien haben noch nie Bestand gehabt bzw. jeder hat seine eigenen.
    Auch das scheinbar einfache Kriterium „Preis“ bzw. „billige Materialien“ scheint mir nicht so leicht objektivierbar zu sein. Es sagt nichts aus über gesellschaftliche Herstellungskosten, Haltbarkeit, Effizienz, Nachhaltigkeit, Fairness usw. usf.
    Die Bewertung von Architektur ist unheimlich komplex. Ich selber habe natürlich ästhetische Idealvorstellungen, halte aber letztlich andere Dinge für relevant: Herstellungskosten, Dauerhaftigkeit, Fähigkeit Patina anzusetzen, Effizienz, Umgebungsrücksicht u.a. (Wenn nach so einem Katalog rauskommt, dass der Rewemarkt an der Wollankstr. gute Architektur ist, dann wäre ich natürlich enttäuscht, aber das Wissen würde diesen „Schuppen“ vor meinem inneren Auge aufwerten.)

    Soviel, vorerst.

    Sch. Sonntag,

    HT

    1. Hendrik Schober

      Zum Thema Zahlen:

      Es gibt Bezirke, auch begehrte (Schöneberg, Wilmersdorf, Charlottenburg und Kreuzberg), die inzwischen eine geringere Bevölkerung haben, als vor 20 Jahren: http://www.tagesspiegel.de/berlin/schrumpfende-kieze-berlin-innenstadt-verliert-an-bevoelkerung/11471102.html.

      Andrej Holm (http://www.sowi.hu-berlin.de/lehrbereiche/stadtsoz/mitarbeiterinnen/a-z/holm) hat bei einer Veranstaltung im AGH vor einigen Wochen ein paar Statistiken mit Zahlen der letzten paar Jahre vorgestellt (http://twitter.com/PankowerMieter/status/568102350327570432). Die stammen z.B. aus den Statistiken der Job-Center, aus denen sich die Umzüge von Transferleistungsempfängern innerhalb Berlins herauslesen lassen. Er hat aus diesen u.a. Quellen recht interessante Zahlen destilliert: („Es ist heute €2,99/qm wert, seine Mieter durch neue zu ersetzen, 2007 waren das noch €1,34.“).

      Bei den Häusern des Pankower Mieterprotests (http://www.pankower-mieterprotest.de), immerhin alle in den Händen einer landeseigenen WBG, haben wir in den über zwei Jahren unseres Zusammenschlusses deutliche Verdrängung erlebt. Im „Pilothaus“ (http://www.florakiez.de/2015/03/07/mieter-darf-unwirtschaftliche-daemmung-ablehnen/) z.B. waren bei Beginn der Modernisierung mehr als 50% der Wohnungen entmietet, die allermeisten davon sind nach der Modernisierungsankündigung ausgezogen. Bei Mietsteigerungen von teilweise auf über das dreifache ist das auch kein Wunder.

      1. H. Thernoth

        Danke, Herr Schober, da sind ja schon ein paar interessante Zahlen dabei.

        Vielleicht weiß sonst jemand, wo man Bevölkerungsstatistiken für Alt-Pankow findet. Ich vermute ja einen erheblichen Wachstum, nicht so extrem wie in einigen Teilen von Prenzlauer Berg, aber doch deutlich zweistellig (prozentual).

        Mietervertreibung durch Wärmedämmung ist natürlich skandalös, aber bildet nur einen Aspekt der Gentrifizierung. (Mein Vermieter hat i.Ü. auch wärmegedämmt, ich spare ca. 30% Heizkosten und er hat sozialerweise nicht sofort alle Kosten umgelegt. Glück gehabt.)

        Gentrifizierung ist auch Politik (Mietgesetzgebung), ist auch Zufall (dass zB Nord-Neukölln überrollt wurde), hat exogene Ursachen (noch krassere Entwicklungen in P’Berg & Mitte), endogene Ursachen (Pankow ist attraktiv), gesellschaftliche (Einkommensschere geht auf), finanzmarkttechnische (Immobilien als attrative Geldanlage) undundund, und schließlich sind wir alle, die wir hier leben, auch Faktoren in dem Prozess, eben weil wir hier leben. Und alle die, die in den letzten – let’s say – 10 Jahren hergezogen sind, haben natürlich einen besonderen Anteil, weil sie es ihrem Vermieter ermöglicht haben, die Miete in die Höhe zu treiben.
        Und dennoch, als advocatus diaboli möchte ich die Frage wiederholen: Wieviel an der Gentrifizierung ist reines Gefühl? Wieviele Leute sind denn wirklich aus Pankow nach Marzahn, Friedrichsfelde, Heinersdorf gezogen? Und nicht nach Karow, Schildow, Blankenburg; London, Paris, New York?

        VG,
        HT

        1. Poltergeist rettet Florakiez!

          Also ich wohne hier seit 1230 im Kiez, mal hier, mal da, nicht an einen festen Platz gebunden und Leute kommen, Leute gehen. Damals war es noch schön ruhig und vor allem Grün, richtig Grün. Den Begriff Gentrifizierung gab’s noch nicht und man hatte als Geist noch nicht allzu sehr zu tun.
          Alles hat sich geändert. Früher traf ich mich noch mit meinen Kollegen und Freunden, zum Beispiel nachts auf dem Friedhof in der Gaillardstraße. Einfach abhängen, bissel herumfliegen, chillen und Erfahrungsaustausch in gemütlicher Runde. Aber da ist leider nichts mehr los. Fast alle Kollegen sind weggezogen oder sagt man geflogen – vielleicht noch besser geflohen – wegen Baulärm. Nur der Drache aus der Dusekestraße ist noch zur Unterstützung da, er ist aber auch schon genervt und möchte gehen.

          Ich kann und möchte aber noch nicht gehen. Ich muss die Weiße Villa vor Abriss schützen. Gegen die „Baugruppe im Florakiez sucht Mitstreiter“ buhu! Böse Egoisten! Finger weg von der Villa!

          Buhu – ich bin Poltergeist und liebe die Weiße Villa!

          1. H. Thernoth

            Lieber Poltergeist,

            so viele Gefühle! So viel Trauer ob der Vergangenheit: Der Mond war noch größer, das Grün noch grüner und die Stille stiller!

            Du liebst die Villa, aber das ist ja (nur) ein Gefühl. Ich zB war von ihr schon immer befremdet, und erst diese Steinmöbel davor, brrr, da graust’s mich kalt und mein Hintern wird’s auch.

            Im Ernst, wer hat die damals, vor kurzer Zeit, nicht mal 150 Jahre ist’s her, gebaut? Bestimmt ein Alteingessessener (aus Baden vielleicht oder Bayern oder Frankreich gar), von seinen Nachbarn mit Dank überschüttet, sein Geld war sicher blütenrein, gewiss im eigenen Schweiße erarbeitet, aus dem unberührten Mutterboden herausgebrochen und niemand kam dabei zu Schaden. Oh, verzeih, nun bin ich doch wieder ironisch geworden. Egal wie: Der Erbauer hat sich damals durchgesetzt und bis heute hat sein Werk gehalten – vielleicht aber ist seine Zeit nun um. Sei’s drum.

            BG,
            HT

    1. Grit Lemke

      Die Debatte kann man auf eben diesem Link schon in den 75 Kommentaren lesen. Was für ein Unsinn! Offensichtlich geht für den Autor nur betongrau oder eben grün. Ich kenne niemanden, der in der Stadt und auch in hier in Berlin nicht das Grün schätzt.

      1. Anna K. Mayer

        Es hat ja auch gesundheitliche Vorteile, dieses Grün. Ich mag mich bloß nicht ständig wiederholen.

        Herr Thernot, Sie haben nach Zahlen gefragt. Sie haben Zahlen bekommen. Dankenswerter- und interessanterweise und sehr detailliert von Herrn Schober. Diese Zahlen belegen eindeutig, dass Gentrifizierung stattfindet. Ihre Schlußfolgerung lautet: „Wieviel an der Gentrifizierung ist reines Gefühl?“

        Das lasse ich einfach mal so wirken.

        1. H. Thernoth

          Es wirkt, Frau Mayer.

          Aber eine nochmalige Nachfrage werden Sie mir nicht verbieten können. Dass Gentrifizierung stattfindet, hab ich niemals in Frage gestellt. Nur in welchem Maße?
          (Manchmal ist das Verhältnis von Aufmerksamkeit und Relevanz bei einer öffentlichen Diskussion antiproportional.)

          Es wäre doch schön, noch mehr ZahlenZahlenZahlen zu haben (und weniger Gefühle, die zwar legitim sind, aber die sachliche Debatte nicht befördern). Leider finde ich keine Zahlen zu Alt-Pankow (über das wir hier ja reden) und auch nicht zu den anderen Fragen in meinem Post vom 8. März: absolute Bevölkerungsentwicklung, Anteil der Einwohner, die seit zB 1980 und 1990 hier wohnen, absolute Zahlen zum tatsächlich gentrifizierunsgbedingten Wegzug, u.a.

          Natürlich kennt wahrscheinlich jeder von uns Leute, die betroffen sind (und deren Situation bitter ist), aber ich denke, so einer qualitativen (und eben: gefühlten) Analyse sollte man eine quantitative zur Seite stellen. Möglicherweise stellt sich dann heraus: Es gibt eine massive Verdrängung von Alt-Mietern (wobei zu fragen wäre, ob die nicht vor Jahren ihrerseits schon andere verdrängt haben: Der Prozess verläuft ja sozusagen in Wellen.), möglicherweise aber, und das mein Verdacht: Die Diskussion darüber ist massiver als ihr Gegenstand.
          Und schließlich noch: Dass Mieten steigen und dass Neubauten entstehen, heißt noch nicht, dass Gentrifizierung stattfindet.

          BG,
          HT

          1. Hendrik Schober

            Hallo Herr Thernoth,

            ich habe leider keinen Zugriff mehr auf die Folien, die Andrej Holm an dem oben erwähnten Termin benutzte, um seine Thesen zur Gentrifizierung zu untermauern. Aus denen ließ sich ganz klar eine Verdrängung von Transferleistungsempfängern aus allen Innenstadtbezirken in die Randbezirke ablesen – und auch, dass es inzwischen selbst dort schon schwierig wird. (Wie ich schrieb: U.a. Marzahn hatt inzwischen eine höchsten Mietsteigerungsraten der Stadt.)

            Aber wenn sie diese (in den letzten zwei, drei Jahren ja vielfach und immer wieder genannten und belegten) Tatsachen nur glauben, wenn sie genau die von Ihnen geforderten Zahlen schwarz auf weiß vor sich liegen haben – warum machen Sie sich dann nicht einfach selbst auf die Suche? Sie können von Ihren Mitmenschen ja nun schlechterdings erwarten, dass diese einen Strom von Fakten vorbringen, die dann von Ihnen als „wirklich sehr interessant, auch die Argumente unterstützend, aber eben noch nicht ausreichend“ abgewiesen werden. Ich bin mir sicher, entsprechende Zahlen sind im Netz zu finden. Und ich bin mir auch sicher, Sie werden, falls dem nicht so ist, herausfinden, wo Sie die Bevölkerungsstatistiken für (das etwas schwammig umrissene) Alt-Pankow für 1980, 1990 und 2013 bekommen können.

            Was das bringen soll, verstehe ich allerdings nicht. Schon allein die enorme und mit großen Leerstand einhergehende Verwahrlosung vieler Häuser in den 80ern, die nach der ersten Sanierung einen großen Strom Zugezogener aufnehmen konnten, würde eine solche Statistik sicherlich extrem dominieren, und die von Ihnen gesuchten Effekte völlig an den Rand drängen. Außerdem hat ja schon der von mir oben verlinkte Tagesspiegel-Artikel klargemacht, dass die Bevölkerung Pankows nicht abgenommen hat. Lassen wir mal den unwahrscheinlichen Fall außer Acht, dass die Bevölkerung gleich geblieben sein könnte, dann bleibt nur noch, dass sie gestiegen sein muss. Das ist aber schon allein wegen des zustandsbedingten Leerstandes nicht weiter verwunderlich.

            Für die aktuelle Gentrifizierungswelle in Alt-Pankow brauchen Sie so alte Zahlen aber gar nicht, denn die ist noch nicht einmal ein Jahrzehnt alt. Allerdings hatten Sie das Ergebnis auf konkreten Zahlen basierender wissenschaftlicher Untersuchungen eben jenes Zeitraumes ja schon als nicht überzeugend abgetan. Da hilft, wie gesagt, wohl nur, dass Sie sich die zu Ihren Wahrnehmungen passenden Zahlen selbst suchen.

            Mit freundlichen Grüßen aus einem Haus, aus dem das Land Berlin selbst (durch eine landeseigene AG) die meisten prekären Mieter vertrieben und durch Besserverdienende ersetzt hat,

            Hendrik Schober

          2. Hanno HallHanno Hall

            Es gibt eine Sozialstudie, die sich mit den Auswirkungen des Sanierungsgebiets Wollankstraße beschäftigt. Ist von 2010, aber immerhin.
            http://goo.gl/u9p5Iw

  9. H. Thernoth

    Hallo Herr Schober,

    es war nicht in meinem Sinne, Sie zu ärgern und ich habe mich über ihre Links neulich gefreut. Dennoch habe ich es mir nicht nehmen lassen, nochmal nachzufragen und des Teufels Anwalt zu sein. Im Grunde meines Herzens bin ich aber in dieser Diskussion nicht Partei. Vielleicht, weil ich grade nicht betroffen bin, vielleicht aber auch, weil ich sowohl positive als auch negative Effekte der Veränderungen würdige.
    Hier eine lose Sammlung, was mir zu Ihrem Beitrag einfällt und zum Thema generell.

    1. Ich bezweifele nicht, dass gentrifiziert wird.
    2. Gentrifizierung ist ein Prozess, der u.a. durch Rückkopplungen und Selbstverstärkungseffekte angetrieben wird. Er ist nicht einseitig, und Ursache und Wirkung sind nicht klar voneinander trennbar.
    3. Ich suche keine Zahlen, die zu meinen Wahrnehmungen passen. Ich lasse mich gern überzeugen.
    4. Zu meinen Fragen habe ich Zahlen gesucht, aber bislang keine gefunden.
    5. Ich erwarte nicht von meinen Mitmenschen, dass sie mir Zahlen liefern. Ich hatte vermutet, in diesem Forum gute Chancen zu haben, welche gerne zur Verfügung gestellt zu bekommen.
    6. Ich weiß nicht, auf welche wissenschaftlichen Zahlen Sie sich beziehen, verlinkt haben Sie keine.
    7. Im Tagesspiegel steht, dass Pankow wächst. Wundert mich nicht, aber hier sind ja nur die Zahlen für den Großbezirk.
    8. Alt-Pankow ist schwammig? Alt-Pankow ist alles, was nicht Heinersdorf, P’Berg, N’schönhausen, Karow, Buch, Blankenburg etc. pp. ist. Alt-Pankow würde ich nicht als Innenstadt bezeichnen. Die liegt klassischerweise innerhalb des S-Bahn-Rings.
    9. Typisch für die Pankower Gentrifizierung ist der Bevölkerungswachstum. Es wird massiv gebaut. Die Qualität der Neubauten sind ein anderes Thema.
    10. Gentrifizierung ist, in meinen Augen, nicht nur schlecht. Sie erwähnten selbst den baulichen Zustand am Ende der DDR-Zeit. Man könnte auch auf Nord-Neukölln verweisen, wo allerdings ein extrem beschleunigter Prozess stattfindet. Hier frisst die Revolution bereits ihre Kindeskinder. Nur mit Einschränkungen mit Pankow vergleichbar, da sehr wenige Neubauten.
    11. Ich halte es für peinlich, die Neubewohner für ihr Kommen (und ihr Geld) anzugreifen, wie in dieser Diskussion gelegentlich passiert. (Wohl ist Deutschland eher kein Einwanderungsland, aber Berlin schon immer eine Stadt der Zugezogenen. Bei den allermeisten reicht ein Blick in die Generation der Eltern oder Großeletern. Die Mehrheit der Berliner ist nicht in Berlin geboren und das ist schon seit Jahrzehnten so.)
    12. Ich bin für die Bebauung der Baulücken. Um das dort vorhandene Grün ist es schade. Stadtklimatisch effizienter als es zu erhalten, wäre zum Beispiel auf lackierte Dachpfannen zu verzichten bzw. Flachdächer zu errichten, die große Mengen Feuchte aufnehmen und wieder abgeben können. (Der Tierwelt, das ist richtig, nimmt man natürlich Lebensräume.)
    13. Ich habe kein Rezept gegen die negativen Auswirkungen des Wandels. Ich fürchte, man müsste ganz tief graben, um die Wurzel solchen Übels zu finden. (Allerdings ist dieses Gedämme, was anscheinend bei Ihnen im Haus zur Entmietung vieler Parteien geführt hat, natürlich ein Quatsch. Pervers, dass es eine landeseigene WBG vorantreibt.)
    14. Ich würde gerne innerhalb Pankows umziehen, kann es mir aber nicht leisten. (Ich wohne im ehemaligen Sanierungsgebiet.) Dafür den Verantwortlichen zu finden, fällt mir schwer: Hausbesitzerkapitalisten, Mercedesschwaben, Politikwürstchen, Finanzaraber und -russen? Greift alles zu kurz.
    15. Ich mag Pankow. Die Kinder mit den exklusiven Namen, die Eltern, die Zeit haben, mittags zu frühstücken, die Rentner, die mit schlechtgelaunter Miene bei Mago rumsitzen.

    Hab bestimmt noch 16.-22. vergessen, mglw. später.

    Gruß,
    HT

  10. Uwe K.

    „Ich finde das Gebäude eine echte Bereicherung.“ Sagt Herr von Oppen und meint damit den anthrazitfarbenen Wohnbunker in der Heyn-/Ecke Brehmestr. Also, Herr v.O., entweder Sie haben sich verschrieben und meinen „Beleidigung“, fürs Auge nämlich, was auch für Bausünden wie den Garbatyklotz oder das Mehrzweckmonster Florastr., Höhe Gaillardstr. gilt, oder aber Sie leiden an Geschmacksverirrung und können zur Frage, was gelungene Wohnarchitektur ausmacht, keinen Beitrag leisten.

    1. Immo Kant

      Das Geschmacksurteil ist also kein Erkenntnisurteil, mithin nicht logisch, sondern ästhetisch, worunter man dasjenige versteht, dessen Bestimmungsgrund nicht anders als subjektiv sein kann.

  11. Uwe K.

    Meinte der subjektive Idealist aus Königsberg. Indem er das ästhetische Werturteil als Geschmacksurteil abqualifizierte, verneinte er die Frage, ob ihm objektiver Charakter zukomme bzw. ob es Bestandteil der objektiven Erkenntnis sei. In Wirklichkeit weiß der Mensch aufgrund seines Intellekts, seiner Bildung und Erkenntnisfähigkeit dem Gegenstand das „inhärente Maß“ anzulegen und die Wirklichkeit nach den objektiven Gesetzen der Schönheit zu gestalten.

    1. Immo Kant

      Ich qualifiziere nicht ab. Das ist ein Begriff der Ruppigkeit, die ich mir nicht nachsagen lassen möchte.

      Problem, Uwe K., ist die Behauptung „In Wirklichkeit“. Die Wirklichkeit, ein heikler Begriff. „In Wirklichkeit weiß der Mensch…“, ja welcher Mensch? Die Beschaffenheit eines jeden Intellekts, der jeweiligen Bildung und Erkenntnisfähigkeit – ich möchte sie nicht verallgemeinern.
      Und das „inhärente Maß des Gegenstands“, an das Herr Marx geglaubt – zeigt uns nicht die Geschichte, dass jede Zeit ihre eigenen Maßstäbe schnitzt? Und selbst wenn wir noch ästhetisches Gefallen an den Pyramiden haben, müsste er uns nicht durch die Millionen von Sklaven, die sie errichtet haben, vergällt werden?

      1. Uwe K.

        „In Wirklichkeit“ ist hier ein Synonym für „tatsächlich“. „Der Mensch“ meint die Menschheit als Gattung. Kein anderer als „Herr Marx“ hat so klar erkannt, dass sich die Menschheit, in Abhängigkeit von ihrer geschichtlichen Entwicklungsstufe, in Interessengrupen, Klassen und soziale Schichten aufspaltet. Richtig, jede Zeit hat ihre eigene Ästhetik, ihr eigenes Schönheitsempfinden. Dialektik der Geschichte: ohne die Millionen von Sklaven wären die zeitlos schönen Pyramiden nie entworfen noch errichtet worden.
        Aber das geht zu weit, dafür ist das hier nicht das rechte Forum. Ich möchte keinen Unmut entfachen.

        1. Immo Kant

          Angesichts unserer zerfließenden Gesellschaft ist es gewagt, von einer gemeinsamen Entwicklungsstufe zu sprechen, die allen ihren Teilgliedern gemein wäre. (Wenn man überhaupt von Entwicklung noch sprechen möchte.) Demnach ist auch falsch, was ich zuerst schrieb, nämlich dass jede Zeit ihre eigenen ästhetischen Maßstäbe besitzt. Vielmehr gibt es eine Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Maßstäbe, und das betrifft alle Künste. Daher halte ich auch nichts davon, hier eine architekturästhetische Debatte zu führen – sie wird endlos sein. Ein jeder bricht den Stab über dem ihm genehmen Bauwerk bzw. dem ihm unangenehmen. Architektur bemisst sich an weit mehr als an ihrem äußeren Schein.

          Und die Pyramiden? Für mich Überwältigungsästhetik, die in der ersten Sinnlichkeit natürlich ruft: Ich bin schön, sieh mich an! Aber sobald ich weiß und reflektiere auf welche Art sie entstanden (eigentlich ist das sofort augenfällig, aber erstmal bin ich überwältigt), verlieren sie ihre Schönheit. (Dass Überwältigungsarchitektur nicht mehr als 4000 Jahre alt sein muss, zeigt sich beispielsweise an Ceausescus „Haus des Volkes“; allerdings ob es hält?)

          Aber, ganz Recht, genug herumphilosophiert. Uns bleibt, eine Ästhetik des Abrissbaggers zu entwerfen…

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