Prager Frühling: Nur eine Kneipe? Nur eine Kneipe!

Von | 14. Juni 2017

Die Beiden, die sich selbst als „Ur-Pankower“ bezeichnen, kennen zwischen S-Bahnhof und Wollankstraße jede Kneipe der letzten Jahrzehnte. So erinnern sie sich an einen Tanzladen Florastraße Ecke Mühlenstraße und an diverse Pächter der Floraklause. Die ist seit längerer Zeit geschlossen. Der ehemalige Schankraum beherbergt jetzt den „Prager Frühling“.  Vor dem Ladenlokal sitzen die Beiden, trinken zügig und in bester Laune das dunkle Svijany-Bier und finden den Prager Frühling gut. Etwas weiter auf einer Bierbank sitzen zwei Besucher, die höchstens Mitte zwanzig sind. Sie sind keine Ur-Pankower, eigentlich noch nicht mal Berliner. Und auch Ihnen gefällts. An diesem Sommernachmittag sieht es so aus, als könnte dem Prager Frühling ein kleiner Spagat gelingen – zwischen denen, die schon immer hier waren, denen die zugezogen sind und denen, die sich nur auf der Durchreise befinden.

Leerstelle zwischen Mühlenstraße und Bahnhof

Das Konzept von Wirt Luděk Pachl ist schlicht. Hauptsächlich geht es um ordentliches Bier zu einem ordentlichen Preis in einer ordentlichen Kneipe. Vier Sorten gibt es, drei ständige aus der tschechischen Brauerei Svijany und eine, die Pachl abwechselnd aus diversen Familienbrauereien in Tschechien mitbringt. Das Ganze wird abgerundet durch diverse andere alkoholische und nicht-alkoholische Getränke und eine einfache Kneipen-Küche. Auf jeden Fall füllt der Prager Frühling eine Leerstelle. Während in der Ecke Florastraße/Wollankstraße mittlerweile ein ernsthaftes Kneipenangebot besteht, etwa mit dem Klassiker BIP, der beliebten Eiche, der Bar nordwärts oder dem neuen Eßtilo ist ausgehtechnisch zwischen Mühlenstraße und S-Bahnhof bislang nicht viel los.

Darum der Name

Und warum Prager Frühling? Die Chiffre für die gescheiterte erste Reformbewegung 1968 im Ostblock. Eins stellt Pachl klar. Politisch sei das nicht gemeint. Politische Gespräche, so sagt es ironisch ein altes Schild auf Deutsch und Tschechisch neben der Theke, sind sogar verboten.  Pachl, der auch das Tuzex ein Geschäft für „original tschechische Qualitätswaren“ in der Schliemannstraße im Prenzlauer Berg mitbetreibt, gefiel der Name einfach. „Goldenes Prag oder so“, sei ihm zu Mainstream gewesen.

Auch wenn er mit dem Namen kein politisches Statement verbinden will, die Umsetzung ist konsequent: Den nur zart renovierten Raum zieren auf die Wände gedruckte Panzer, draußen gibt es eine Art Dubcěk-Altar, der dem damaligen Generalsekretär und Reformer huldigt. Die Öffnungszeiten sind ebenso wie das Konzept: unkompliziert. Montags ist zu, sonst 16 Uhr bis Mitternacht. Später will Ludek Pachl nicht, zumal er neben dem Laden in der Schliemannstraße seit einiger Zeit mit einigen Bekannten auch noch ein kleines Ausflugslokal im Barnim bewirtschaftet: Zur kleinen Moldau an der Schleuse in Rosenbeck.

Prager Frühling 1968
Florastraße 62
0178 5747016
Dienstag bis Sonntag, 16 Uhr bis Mitternacht

6 Kommentare zu “Prager Frühling: Nur eine Kneipe? Nur eine Kneipe!

  1. Arkonastraßenbewohner

    Ordentliches Bier zum ordentlichen Preis. Eine sehr leckere Sauerkrautsuppe wie in Tschechien und und subtile Dekoration. Wer Tschechien mag, wird die Kneipe lieben. Wir kommen wieder. Auch wenn die Bedienung Slowake ist 😉

  2. Uwe K.

    Politische Gespräche verbieten wollen – was für ein Quatsch! Offenbar geht es dem Inhaber nur darum, dass sich nur politisch Desinteressierte einfinden und sich „zügig“ die Birne vollhauen, damit der Umsatz stimmt. Diesen Laden werde ich nicht betreten.

    1. Markus KamradMarkus Kamrad Post author

      Das Schild ist offensichtlich ironisch gemeint. Sollte das nicht ausdrücklich deutlich geworden sein, bedauern wir das.

    2. Systembolaget

      Nachdem seit 1989 so ziemlich alle guten Trinkhallen abgewickelt wurden, begrüße ich den Mut der Betreiber hier etwas zu versuchen. Wer hingegen eher im Hotel de Rome einen „craft gin tonic“ kippen will und nachts um 02:00 Dinkelkekse verköstigen möchte, kann sich problemlos dort einfinden.

  3. Arkonastraßenbewohner

    Ich dachte nur Kinder verstehen keine Ironie… Wenn du diesen Laden betritt st wird das wohl deutlich.

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