Einkaufen: ja, Einkaufszentrum: nein

Von | 9. November 2017

Die Blockstruktur würde sich vom S-Bahnhof Pankow links unten bis zur Prenzlauer Promenade rechts oben ziehen.

Wenn es nach Professor Wolfgang Christ ginge, wird am Pankower Tor kein Einkaufszentrum entstehen. Das Konzept von Möbel-Tycoon Kurt Krieger für den ehemaligen Güterbahnhof sei überholt und habe keine Zukunft, erklärte der Stadtplaner am Dienstag bei der Vorstellung seines Gutachtens über die „Urbane Mitte Pankow“ im Zimmer 16. Monolithische, nach außen geschlossene Einkaufszentren sind nach Ansicht des Wissenschaftlers im Zeitalter der Digitalisierung und der Verlagerung großer Teile des Handels ins Internet nicht mehr zeitgemäß. In den USA würden schon seit zehn Jahren keine solchen Malls mehr gebaut, im Gegenteil: viele sogar wieder abgerissen.

Christ schlägt in seinem Papier vor, die riesige Brachfläche nach dem Muster des Städtebaus in der Gründerzeit zu beplanen: Blockrandbebaung mit großen Höfen, Gewerbe- und Handelsflächen in den Erdgeschossen und Wohnungen in den oberen Etagen. So könnten 4.000 Wohnungen für 10.000 Menschen entstehen, 100.000 qm Fläche für Büros, Gewerbe und Dienstleistungen, 30.000 qm für Handel und Gastronomie und 20.000 qm für öffentliche Einrichtungen wie Schulen und Kitas.

Die gründerzeitliche Blockstruktur sei der Inbegriff für urbane Qualität, so Christ: Als Pluspunkte nennt er in seinem Gutachten die Trennung von öffentlichem und privatem Raum; Grün innen und Stadt außen; Nutzungsmix auf der Parzelle; Bauherren neben Investoren; Miteinander von Klein- und Großstruktur, Kultur und Kapital, Handel und Gewerbe, Wohnen und Arbeiten. Die bauliche und funktionale Dichte ermögliche eine „Stadt der kurzen Wege“ mit wenig Belastung durch Verkehr.

Christ appellierte an Politik und den Investor Krieger, die einmalige Gelegenheit zur Gestaltung eines so großen Geländes in so guter Lage nicht für ein Shoppingcenter und Möbelmärkte zu verspielen. Ob sich Krieger, Bezirk und Land davon beeindrucken lassen, ist unklar. Dem Möbelhändler gehört die Fläche zwar, Baurecht hat er aber noch nicht. Hier kann die Politik die Leitplanken festlegen.

Bezahlt wurde das Gutachten von der Deutschen Immobilien Gruppe, der das Rathaus-Center gehört. Und die hat naturgemäß kein Interesse an einem größeren Konkurrenten. Um sich zu wappnen, soll das Rathaus-Center in den nächsten Jahren modernisiert und deutlich erweitert werden. Der Ausbau befindet sich allerdings immer noch in der Planungsphase, zwei Jahre nach der ersten Ankündigung.

11 Kommentare zu “Einkaufen: ja, Einkaufszentrum: nein

  1. Realist

    Konkurrentenschutz und eigene Renditeerwartungen der Anleger sind durchsichtige Motive dieses „Gutachtens“. Nach der Logik müsste das Rathauscenter auch abgerissen werden. Eben entsteht in der Turmstraße von Herrn Huth das Schultheiß-Center. Was dort geht, will der Polit- und Wirtschaftsfilz in Pankow unbedingt verhindern . Die kleinen Händler sind doch Jagdfeld scheiss egal. Pankow verkommt zur Schlafstadt mit Durchgangsverkehr. Mein Wunsch wäre, wenn die großflächigen Parkplätze mit Wohnungen überbaut würden. Das Land soll erst mal seine Wohnbaupotentiale erschließen. Sich auf Privatflächen auszutoben ist natürlich einfacher.

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    1. Besucher

      Ob in Pankow ein Politfilz (gibt es den?) Krieger unbedingt verhindern will, wäre zu beweisen. Nach allem, was man so hört, sind sich im Bezirk die Parteien einig, allein die Grünen blockieren das Projekt aus zwei Schulen, 1 000 Wohnungen, einem Einkaufszentrum, zwei Möbelhäusern und vielelicht noch mehr. Vor fünf oder sechs Jahren haben sich die Reinickendorfer Grünen mit drei bis vier Prenzlauer Berger und Pankower Grünen vor der Infobox versammelt und „Alexa II machts Pankower Zentrum platt“ in die Luft gehalten. Es gibt offensichtlich keine Änderung an dieser Position, denn die Veranstaltung im Zimmer 16 war ein erweiterter Stammtisch der Pankower Grünen mit nichts anderem als der Zielsetzung, sich gegen Krieger zu munitionieren.

      Dass das Gutachten mit dem durchsichtigen Zweck, einen Wettbewerber zu verhindern, im Auftrag der Betreiber des Rathaus Centers geschrieben wurde – so what, wie die Moderatorin sagte (Alles andere als ein Zufall: Das Gutachten wurde Ende des Frühjahres 2017 veröffentlicht, nachdem vor den Abgeordnetenhauswahlen ein unterschriftsreifer städtebaulicher Vertrag vorlag, der zwischenzeitig durch die veränderte Senatszusammensetzung – jetzt Sozis mit Linken und, so ein Zufall, den Grünen – auf Eis liegt). Dass das Gutachten fragwürdige Aussagen rauf und runter enthält, hat der ebenfalls aufs Podium eingeladene Vertreter des Handelsverbandes Busch-Petersen wiederholt launisch und akribisch „dem Professor aus dem Elfenbeiturm“ dargelegt (Warum wurde der Auftrag für das Gutachten wohl ausgerechnet an diesen Stadtplaner vergeben?).

      In der Logik des Gutachtens könnte auch das Rathaus Center schließen und abgerissen werden: Laut Prof. Christ verlagert sich der größte Teil des Handels ins Internet und Pankow, besonders der Florakiez seien dafür schon heute Paradebeispiele (woher er das weiß, ließ er offen). Wenn es so wäre, ist nicht nachvollziehbar, aus welchem Grund die 30 000 qm Handel (inkl. Gastro) nach Vorstellung des Stadtplaners in einer offenen Bebauung statt des vorgesehenen Einkaufszentrums realisiert werden sollten, wenn doch alle von vornherein vor der Pleite stehen. Dass daran nicht einmal die Auftraggeber des Gutachtens glauben, hat Hanno Hall oben geschrieben; den seit wezi Jahren angekündigten Ausbau des Rathaus Centers haben sie noch einmal ausgeführt. Da folgen sie offenkundig lieber den Aussagen Busch-Petersens , der anhand mehrerer Beispiele zeigte, dass die Verlagerung nahezu des gesamten Handels ins Netz nicht erfolgen werde.

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      1. essu

        Dass auch das Rathaus-Center den zukünftig erwarteten Veränderungen im Einzelhandel nicht gewachsen sei, sagte auch Prof. Christ. Das kleinteilige und damit variablere Konzept seines Gutachtens könnte also auch Konkurrenz für seinen Auftraggeber werden. Soviel Elfenbeinturm muss sein.

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  2. Max Müller

    Immerhin sind sie jetzt laut Aussage eines Teilnehmers drauf gekommen, dass es unsinnig ist einstöckige Supermärkte zu bauen, wenn man eigentlich auf jeden noch 15 Wohungen packen könnte.

    Leider zu spät in der Wollankstr.

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  3. Martin

    @ Realist
    Rein Interesse halber. Wo gibt es denn in Pankow großflächige öffentliche Parkplätze zum Bebauen. Kenne nur wenige und diese sind meist für Pendler nicht unwichtig.

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  4. Realist

    Hallo Martin, ich meinte die beim Projekt Pankower Tor vor den Möbelhäusern und dem Baumarkt geplanten Parkplatzflächen. Dort könnten Sudentenwohnungen, Künstlerateliers , Seniorenwohnungen oder Coworking Studios über den Parkplätzen entstehen. Auch der P&R Parkplatz am Bahnhof Pankow-Heinersdorf könnte überbaut werden. Ein schönes Grundstück mit viel Potential. Das wäre doch mal ne Spielwiese für Architekturstudenten, oder?

    Hier ein schönes Beispiel aus München.

    https://www.tz.de/muenchen/stadt/moosach-ort43339/pilotprojekt-dantebad-unten-autos-oben-wohnungen-6175844.html

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    1. MARTIN

      Danke für die Info und den link. Das klingt in der Tat spannend und nutzbringend, wird aber wohl leider für die Berliner Städteplanung noch zu innovativ sein.

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      1. Max Müller

        In München ist der Leidensdruck wohl schon wesentlich grösser, nachdem das Einzugsgebiet inzwischen schon Teile von Österreich erfasst.

        In Berlin gibt es einfach zu viel Platz den man verschwenden kann.

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  5. Hans

    Klar hat die Deutschen Immobilien Gruppe Interessen. Aber liegt es im Interesse der Pankower, in ein paar Jahren *zwei* marode Shopping-Malls vor der Tür zu haben? Ich finde die Argumentation erst mal schlüssig, dass ein reines Einkaufszentrum ziemlich riskant ist. Und zwar für alle Beteiligten, auch für Herrn Krieger. Keiner weiß, wie sich der Online-Handel und auch die Verkehrswende in Zukunft auf die Städte auswirken wird. Fahren wir mit autonomen Autos in die großen Shopping-Mall? Oder mit dem Fahrrad-Anhänger? Gibt es in Zukunft vor allem Läden, wo wir die Waren nur angucken, aber anschließend wird alles direkt nach Hause geliefert? Bei einer so unübersichtlichen Prognose ist es gut, eine flexibel nutzbare Bebauung zu haben, die Wohnen, Einkaufen, Büros und Gewerbe mischt. Je nachdem, was gebraucht wird, kann sich die Nutzung anpassen und es ist immer was los.

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  6. hansi

    Grundsätzlich wäre es zumindest begrüßenswert keine oberirdischen Parkflächen für Autos mehr entstehen zu lassen, was bei Möbelhaus und Baumarkt sicher eine riesen Fläche wäre.
    Bei dem vorgestellten Modell, fehlt leider ein größeres Stück Freifläche/Park. Denn Schlosspark und Co sind schon jetzt überlastet – das wird bei 10.000 neuen Bewohnern nicht besser.

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    1. Realist

      Der Witz ist ja, dass Herr Krieger genau das ja vor hatte. In seinen ersten Entwürfen vor vielen Jahren war ein großer Park, der die einzelnen Pankower Ortsteile gärtnerisch vorstellte, vorgesehen. Dann kam jedoch von der Politik die erpresserische Forderung, er müsse Wohnungen bauen, sonst wird das nichts mit seinen Plänen. Und wo wäre der Park entstanden, genau! dort wo Wowereit seinerzeit die Wohnungen hin haben wollte. Der Park wurde dem politischen Primat geopfert. Aber es könnten ja auch andere Ansätze angegangen werden. Grünflächen oder Kitas auf Dachflächen. Gemeinschaftsgärten auf dem Baumarktdach. Bolzplatz in luftiger Höhe. So ließe sich Akzeptanz herbeiführen, Kriegers Interessen mit der Stadtgesellschaft zu versöhnen. Alle Akteure müssten sich nur mal einen Ruck geben. Und die regierenden Parteien müssten aufhören, in herablassender Weise den Investor herumzukommandieren, der am Ende das volle wirtschaftliche Risiko trägt. Was ist eigentlich aus den damaligen Bürgerforen und Werkstattverfahren an der Neumannstraße geworden?

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