Der Balance-Akt

Von | 26. August 2020

Kneipe und Abstand. Das sind zwei Worte, die in einem natürlichen Spannungsverhältnis stehen. Kneipe, das ist nah beieinander sein, den Lärm übertönen und auch mal mit der Person neben einem an der Theke einfach so ins Gespräch kommen. Passt leider alles überhaupt nicht zu Corona-Zeiten.

Und so sind es gerade die Kneipen, Cafés und Restaurants im Kiez, die in einer schwierigen Situation stecken. Nach Beendingung des Lockdowns Anfang des Sommers dürfen sie wieder aufhaben und derzeit rennen ihnen die Gäste teilweise die Terrasse ein. Die Sonderregeln des Bezirks erlauben in vielen Fällen weit mehr Tische als in normalen Zeiten, wobei es auch Klagen über nicht bearbeitete Anträge gibt. Nach dem Lockdown und vor den Ungewisseheiten des Herbstes hat man das Gefühl, dass alle noch etwas Leben mitnehmen wollen.

Lohnt sich das überhaupt?

Nur, lohnt sich das? Was passiert wenn der Herbst kommt? Ist das alles zu verantworten? Das Fritz Heyn in der Heynstraße hat nach dem Lockdown erst gar nicht wieder aufgemacht. Man wolle Mitarbeiter und Gäste unter keinen Umständen einem Risiko aussetzen. Aber auch andere Gründe werden angeführt: „Neben dem gesellschaftlichen und emotionalen Wert des Ortes, haben wir eine wirtschaftliche Verantwortung – vor allem den Mitarbeitern, aber auch den Zulieferern und Vertragspartnern gegenüber“ heißt es auf der Facebookseite. Spätestens in der kommenden Wintersaison sei ein wirtschaftlicher Betrieb unter Einhaltung der Hygieneregeln nicht darstellbar. Man werde aber zu einem späteren Zeitpunkt wieder öffnen. Komplett geschlossen ist mittlerweile das Palma auf der Florastraße. Ob das an Corona liegt, ließ sich allerdings nicht überprüfen.

Verantwortlich handeln, Regeln einhalten, trotzdem für Gäste da sein und das nötige Einkommen erwirtschaften – das ist derzeit ein Balanceakt für die Gastronomen, Cafébetreiber und Kneipiers im Kiez. „Aktuell bei dem guten Wetter läuft es sehr gut“, meint Johannes Kühne, einer der Betreiber der Eiche. Und tatsächlich die Terasse ist an jenem warmen Sommerabend wie fast jeden Abend gut gefüllt. Dank des breiten Gehwegs auf der Wollankstraße ließ sich die Außenfläche gefühlt mehr als verdoppeln und trotzdem ist fast jeder Tisch besetzt. Auf einer Tafel vor dem Lokal stehen sehr klar die Hygienregeln. Drinnen ist nur das Personal zum Bierzapfen und Essen zubereiten. „Reinkommen tut derzeit fast niemand. Da mache ich mir dann schon Sorgen wie das im Winter wird.“ Aufgrund der Fläche seien immerhin die Abstandsregeln gut einzuhalten und ein einigermaßen auskömmlicher Betrieb im Winter zumindest denkbar.

Zwickmühle und Sorge vor dem Winter

Die aktuelle Situation sei eine „absolute Zwickmühle“. Der Lockdown sei sehr schmerzlich gewesen, zumal die Umsätze schon vorher kontinuierlich gesunken seien, „weil die Leute verständlicherweise Angst hatten bzw. sich nicht anstecken wollten oder Überträger sein wollten“. Immerhin, die Sofort-Hilfen seien tatsächlich sehr schnell ausgezahlt worden und hätten die Situation geschäftlich zumindest beherrschbar gemacht. Dann konnte die Eiche aufgrund einer Vollkonzession als Speisegaststätte wieder relativ früh öffnen. „Das ist unser Broterwerb“, sagt Johannes Kühne, der zusammen mit seinem Bruder die Eiche betreibt. Das gelte auch für Teile des Personals. „Auch unsere Gäste erwarten, das wir aufhaben. Wir sind, ohne überheblich zu sein, der Treffpunkt im Kiez.“ Und zumindest der Zulauf gibt ihm und den anderen Gastronomen recht. Ob es die Eiche, das BIP oder der Prager Frühling sind. Die Bürgersteige und Terrassen im Kiez sind jeden Abend voll. Zumindest solange das Wetter mitspielt.

Auch Joscha Wadepühl teilt die Sorgen vor dem Herbst. „Aktuell haben wir wieder das Vor-Corana-Niveau erreicht“, sagt der Mitbetreiber des Cafés „Wo der Bär den Honig holt“ auf der Florastraße, das sehr früh in den Lockdown ging und dann gut zwei Monate geschlossen war. Auch hier ist der Außenbereich größer als in normalen Zeiten. Auch er befürchtet, dass die nächsten Monate neue Unsicherheiten bringen und wieder Kurzarbeit droht. Im kleinen Gastraum sind die Abstände gewahrt, aber die ohnehin sehr überschaubare Zahl an Plätzen hat dadurch weiter abgenommen. Eine Maßnahme, die sich die Betreiber vorstellen können, ist die Ausweitung der Öffnungszeiten. Die Dehoga, die politische Interessenvertretung der Branche, hat erst kürzlich ein Aussetzen des Heißpilzverbots gefordert. Auch damit ließe sich der Sommer verlängern.

Stammkundschaft schlägt Lonely Planet

Was sich keiner ausmalen mag, ist ein zweiter Lockdown. Dann doch eher auf eine milde Entwicklung oder den rettenden Impfstoff hoffen. Was allen hilft, das ist das vertrauensvolle Verhältnis zu „ihren“ Gästen. Oder wie es Eiche-Wirt Kühne formuliert: „Klein und kiezbekannt ist gerade besser als groß und im Lonely Planet stehend.“

7 Kommentare zu “Der Balance-Akt

  1. AvatarHans im Glück

    Wenn der Winter kommt — Dann sind die Läden halt zu u. die Betreiber erhalten vom Staat etwas Geld zum überleben

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    1. AvatarMax

      >HANS

      MIt etwas Geld ist es nicht getan, der kleine Spaß im Frühjahr hat schon 60 Milliarden intern, 500 Milliarden Eu-weit gekostet. Und einige zehntausend Zombie-Firmen stehen auf der Kippe.

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      1. AvatarHans im Glück

        Ist schon klar – Mir ging es eher um Sozialhilfe oder Grundsicherung – Das sich das eine oder andere Geschäftsmodell überlebt hat dürfte mittlerweile auch dem letzten Gewerbetreibenden klar geworden sein.

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  2. AvatarKrishan

    Das wird eine harte Zeit im Herbst! Packen wir’s an! Helfen war noch nie so einfach! Einfach Im Kiez Trinken und essen gehen und dadurch den Betreibern seines Lieblingslokales helfen, zu überleben!

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    1. AvatarKenny

      @Krishan
      Helfen war individuell noch nie so schwer wollten Sie wohl schreiben.
      Wenn Sie von Herbst schreiben, geht es in Wirklichkeit mindestens bis Ostern 2021.
      Indizien aus der hiesigen Regierung und auch Österreich, deuten sogar auf einen noch längeren Zeitraum hin.
      Bei Merkel und Kurz sollte man schon genau zuhören.

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      1. AvatarKrishan

        @kenny
        Naja, so war es auch nicht gedacht, dass es ein Allheilmittel ist und ausreichend. Aber das wäre etwas, was wir selbst ein Stück mit beeinflussen können, solange man nicht selbst am Wochenendbier sparen muss. Ansonsten wird es im nächsten Sommer übel aussehen….Nimm’s einfach als Anregung, deine Lieblingsbar zu unterstützen. Prost!

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  3. AvatarKenny

    Das nenne ich echte Dramaturgie.
    Hier werden Wirkungen emotional beschrieben.
    Wirkungen von „Entscheidungsträgern“. Naja…..

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