Ist Pankow der Fluglärm egal?

Von | 15. März 2014
Helmut Möller, Harald Moritz, Wolfram Kempe und Rolf-Roland Bley

Helmut Möller, Harald Moritz, Wolfram Kempe und Rolf-Roland Bley

Die meisten Bewohner Pankows und der Gegend rund um die Florastraße scheinen sich mit dem Fluglärm arrangiert zu haben. Das Interesse an der Informationsveranstaltung der Bürgerinitiative „Tegel endlich schließen!“ am Samstag Nachmittag war jedenfalls enttäuschend. Nicht ganz 50 Zuhörer, davon etliche aus Reinickendorf, hatten den Weg in den Betsaal des ehemaligen jüdischen Waisenhauses an der Berliner Straße gefunden. Es mag sein, dass das durch Flughafenchef Mehdorn verkündete Ende der Diskussion um den Weiterbetrieb des Flughafens seinen Teil dazu beigetragen hat. Die Flieger brausen jedenfalls schon seit Jahrzehnten über Pankow und da scheint es bei vielen Anwohnern nicht mehr darauf anzukommen, ob im Herbst 2015 oder im Frühjahr 2016 Ruhe einkehrt.

Auf dem Podium saßen Organisator Helmut Möller, Rolf-Roland Bley, der als Mitglied der „Bürgerinitiative gegen das Luftkreuz auf Stadtflughäfen“ der Fluglärmkommission angehört, Harald Moritz, Verkehrspolitischer Sprecher der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus und Wolfram Kempe, Verkehrspolitischer Sprecher der Linksfraktion in der Bezirksverordnetenversammlung. Der Pankower Umweltstadtrat Kühne (CDU) erschien nicht, obwohl er zugesagt hatte. Da kein Vertreter des Flughafens, des Senats oder der selbsternannten Tegel-Freunde vor Ort war, wurde nicht kontrovers diskutiert. Die Teilnehmer informierten über ihre Arbeit und beantworteten die Fragen der Bürger. Der frühere Umweltminister Jürgen Trittin mischte sich unter das Publikum. Der Grünen-Politiker ist als Kiezbewohner unmittelbar vom Fluglärm betroffen. Zu Wort meldete er sich nicht.

Gefühlt hat der Lärm in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Zwar sind die Flugzeuge grundsätzlich leiser geworden, aber die Zahl der Flüge steigt und steigt. Außerdem kommen wegen der immer höheren Passagierzahlen auch größere Maschinen zum Einsatz als früher. Während in Tegel immer häufiger gelandet und gestartet wird, ist der alte Schönefelder Flughafen alles andere als ausgelastet. Das Land Berlin ist aber weder gewillt, das Nachtflugverbot zu verschärfen, noch die Airlines zum Umzug nach Schönefeld zu nötigen. Die Lokalpolitiker in den betroffenen Bezirken sehen das anders, sind aber machtlos. Erläutert wurde außerdem, dass Pankow nicht in der Lärmschutzzone von Tegel liegt und daher auch keine regelmäßigen Messungen durchgeführt werden. Deshalb gibt es hier auch keinen Anspruch auf Lärmschutzmaßnahmen oder gar Entschädigungen. In das 2007 verschärfte Lärmschutzgesetz wurde extra für Tegel eine Sonderregelung aufgenommen. Sie besagt, dass wenn ein Flughafen innerhalb einer Frist von zehn Jahren geschlossen werden soll, keine neuen Lärmschutzmaßnahmen ergriffen werden müssen.

Das Fazit der Veranstaltung fällt mit „man kann eigentlich nichts machen“ ernüchternd aus. Als Trost bleibt den Lärmgeplagten aber, dass Tegel über kurz oder lang geschlossen wird. Und das ist auch ein Verdienst der Bürgerinitiativen. Allerdings verhält es sich beim Fluglärm wie mit dem Geld. Wenn es verschwindet ist es nicht weg, sondern woanders. Sprich: wenn der Norden Berlins von Tegel erlöst ist, wird es im Süden der Stadt und in Brandenburg richtig laut.

Nützliches zum Thema Fluglärm:
Keine Lärmschutzzone: Ohren zu und durchhalten
Messergebnisse im Internet: Grüne und rote Punkte zeigen den Geräuschpegel
Start nach Westen oder Osten: Ja, wie fliegen sie denn?
Flugbewegungen live: Was fliegt denn da über der Florastraße

Hanno Hall
Hanno Hall

Lebt seit 1997 in Berlin und seit 2010 im Kiez. Verantwortet n-tv.de und die n-tv Apps. Interessiert sich für Baustellen, Flughäfen und Politik. Geht zu Fuß, fährt Rad, BVG und Auto.

2 Kommentare zu “Ist Pankow der Fluglärm egal?

  1. Uwe Knoch

    Ich wohne seit 1986 im Pankower Florakiez. Die von Tegel startenden Flugzeuge fliegen direkt über unser Haus. Anders als meine Frau, die noch nicht so lange hier wohnt, höre ich sie kaum noch. Für mich fällt mehr ins Gewicht, dass es, wenn Tegel geschlossen und der BER eröffnet ist, wesentlich umständlicher werden wird, dorthin bzw. von dort nach Pankow zu kommen. Außerdem steht zu befürchten, dass dann die Mieten stark ansteigen und – Gentrifizierung – viele alteingesessene Mieter aus ihren Wohnungen vertrieben werden. Für mich jedenfalls ist Tegel das kleinere Problem. Gottlob scheint eine Eröffnung des BER auch heute noch in weiter Ferne. Nach wie vor existieren zahlreiche Mängel, und nach Aussagen des Chefplaners sind erst vier Prozent des Terminals abnahmefertig.

  2. Frau Wichtig

    Wir sind froh, wenn der Lärm endlich vorbei ist. Denn neben dem Lärm ist auch das Überfliegen dichtbesiedelter Wohngebiete im Start- und Landemodus ein zu großes Risiko für alle, die in diesen Schneisen wohnen. Dem Engagement der Bürgerinitiativen sei Dank sind die irren Pläne von Herrn Mehdorn, Berlin von Nord UND Süd zu beschallen, sprich Tegel auch nach der Eröffnung des BER offen zu lassen, vom Tisch. Dafür herzlichen Dank. Allen Unkenrufen zum Trotz setzen wir darauf, dass die Tage von Tegel gezählt sind und sich im dreistelligen Bereich bewegen.
    Klar ist die Fahrt nach Tegel eine superbequeme Sache, aber Lebensqualität finde ich wichtiger. Pankow hat sein Soll, was Fluglärmbelastung angeht, erfüllt…

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